Der Tod:


Herrscher der Schattenwelt, Seelenräuber, Schnitter der Menschheit, der große Gleichmacher - Namen sind Schall und Rauch. Doch wie will man eine Existenz beschreiben, bei der gängige Begriffe wie "Lebewesen" oder gar "Person" wohl nicht ganz den Kern der Sache treffen; ein Geschöpf (oder eben auch nicht), das losgelöst von den Fesseln aus Raum und Zeit zwar nicht ewig leben (falls hier von
"leben" die Rede sein kann), aber doch solange existieren wird, bis
dereinst auch das letzte Lebewesen vom Antlitz der Scheibenwelt getilgt ist und selbst die Götter den Weg in die Sphäre aus Nichts und Vergessen angetreten haben. Der Tod ist beinahe das älteste Geschöpf der Scheibenwelt. Aber eben nur beinahe. Und er ist das, was der Glaube, das Wissen um seine Existenz aus ihm gemacht haben. Von dem Augenblick an, da das erste sich regende Leben spürte, daß es sterblich war, gab es den Tod: Geschaffen aus dem Nichts; den Irrungen des Lebens folgend, und letztlich den Vorstellungen des Menschen entsprechend.

Nun, wenn man ihn nicht gerade mit dem Sterben an sich verwechselt, ist der Tod mit seinem Erscheinungsbild als "Antropomorphe Personifizierung" nicht ganz unzufrieden. Anders ausgedrückt:
Unter dem obligatorischen tiefschwarzen Kapuzenumhang verbirgt sich ein ausgebleichtes Skelett, und die scharf glänzende Sichel wird von einer Knochenhand geschwungen. Wer jemals dem Tod ins Antlitz gesehen hat, wird zwei Dinge feststellen: Wenn Blicke töten könnten, dann wären auch Tods nur scheinbar leere, tiefblau glühende Augenhöhlen nicht gerade ungefährlich. Zum zweiten zeichnet sich Tods Mimik durch eine gewisse Abwesenheit und sein Schädel selbst durch ein gefährliches Grinsen aus. Dies hat nichts mit einer besonderen Art von Humor zu tun, sondern mit gewissen anatomischen Gegebenheiten: Gerippe können eben nicht anders. Am beeindruckendsten aber ist Tods Stimme. Häufig ertönt sie nicht im
Raum, sondern unmittelbar im Kopf des Angesprochenen, meistens ist sie vom Klang eines zufallenden Sargdeckels aus Blei, immer aber scheint es, als gelänge es dem Tod, ausnahmslos in Grossbuchstaben zu sprechen.

Der alte Spruch, häufig käme der Tod auf leisen Sohlen ist nicht ganz richtig, denn der Sensenmann erscheint bevorzugt zu Pferde. Entgegen jeder Erwartung handelt es sich bei Tods Feuerroß um ein Pferd aus Fleisch und Blut: Mit der Zeit war es selbst dem Schnitter zu mühsam geworden, im Galopp verlorene Gliedmaßen eines Knochenpferds wieder aufzulesen. Daß das stattliche Tier auf den wenig beeindruckenden Namen "Binky" hört, ist hingegen beinahe peinlich.
Die meisten Menschen bekommen den Tod ohnehin nie zu sehen. Sein Auftreten hinterläßt eine unbedeutende Lücke in der Erinnerung, denn das menschliche Gehirn verdrängt derartige Entsetzlichkeiten mühelos und ersetzt sie durch Eindrücke harmloserer Natur. Lediglich Menschen mit übersinnlicher Wahrnehmung (insbesondere Zauberer) erkennen den Tod - und natürlich jene Sterbenden, zu denen sich der Sensenmann persönlich bemüht, wobei der Schnitter aufgrund seiner
zahlreichen Verpflichtungen allerdings häufig nur einen Stellvertreter schickt: etwa Hunger, Krieg oder Pestilenz.

Neben dem Bemühen, die Seelen jüngst Verstorbener ins Jenseits zu geleiten (mit der etwas lapidaren Bezeichnung Die Pflicht versehen), ist es Tods vordringlichste Aufgabe, jeden Morgen anhand eines großen Buches die weiteren Geschicke der Scheibenwelt auszurechnen
- damit der Tod auch stets am Ende des Lebens erfolgt - und nicht etwa mittendrin. Dieses Hauptbuch ist durchzogen von hochkomplexen spinnwebartigen Mustern, deren Kreuzungspunkte exakt berechnet werden müssen. Aber es hat wohl wenig Sinn, auf dieses Verfahren näher einzugehen, ohne einen ausführliche Vortrag über Punktinkarnation und Knotenfokussierung halten zu müssen. Fest steht, daß die gesamte Scheibenwelt in Gefahr gerät, wenn man auch nur mit dem Schicksal eines einzigen Individuums herumpfuscht.
Somit legt der Tod auch keinerlei Wert auf Fairneß und ähnliche Gefühlsduseleien; für ihn ist es oberstes Gebot, stets objektiv zu bleiben. Gefühle wie Mitleid, Ärger oder Zorn sind ihm fremd, und schon um nur ein wenig aufgebracht zu sein, muß er sich gehörig anstrengen. Der Grund für diese Emotionslosigkeit ist wiederum ein
anatomischer: Irgendwie scheinen dem knöchernen Sensenmann die körperlichen Voraussetzungen - etwa Drüsen, Blutbahnen oder dergleichen - für derartige Empfindungen zu fehlen. Zwar verfügt der Schnitter über einige herausragende Fähigkeiten - so kann ihn kein
Hindernis aufhalten - aber neben den Drüsen scheint ihm noch etwas anderes zu fehlen: Kreativität. Im Gegensatz zu den Lebenden erweist sich der Tod als unfähig, etwas Neues zu schaffen - aber immerhin ist er ein guter Kopist. "Wie nennt man es, wenn man warme Zufriedenheit empfindet und sich wünscht, die Dinge sollten so bleiben, wie sie sind?"

So nimmt sich der Tod schließlich nach über tausend Jahren wieder einen freien Abend, um der menschlichen Natur auf die Spur zu kommen. Doch sein Vorstoß bleibt anfangs unbefriedigend. Vergnügungen wie Musik, Tanz und Würfelspiel läßt er mehr über
sich ergehen, als daß er sich amüsiert; und dem Alkohol spricht er zwar ausgiebig zu, aber wenn man auf einen Schlag wieder nüchtern werden kann, ist das auch nicht ganz das Wahre. Und nachdem die fleischliche Liebe - natürlich - bereits im Wortsinne scheitern mußte, findet der Tod sein vorübergehendes Glück ausgerechnet als Küchenmeister in einer schmierigen Spelunke, wo er Alligatorburger brät und sich um streunende Katzen kümmert. Dramatisch wird die Sache erst, als die Revisoren der Realität - einige im Grunde gar
nicht vorhandene Wesen, die dafür sorgen, daß elementare Dinge wie Zeit, Raum und Schwerkraft ordentlich funktionieren - dem Tod unterstellen, auf dem Weg der Persönlichkeitsbildung zu weit gegangen und der Inkompetenz gefährlich nahe gekommen zu sein. Kurzerhand wird der Sensenmann in den Vorruhestand befördert,
während seine Tätigkeit zwar von einem Nachfolger übernommen werden soll, tatsächlich aber lange Zeit brach liegt - was die Scheibenwelt erheblich in Unruhe versetzt: Denn was macht man, wenn jüngst Verstorbene einfach nicht tot zu kriegen sind?

Den Schnitter kümmert das nur wenig.
Selbst sterblich geworden, macht er sich daran, seine neu gewonnene Zeit zu verbringen - und endlich zu leben. Unter dem Namen Bill Tür verdingt er sich auf dem kleinen Hof der in die Jahre gekommenen, aber lebensmutigen Frau Flinkwert. Dort stürzt die ganze Summe der menschlichen Erfahrungen auf ihn ein: Er lernt Erschöpfung kennen, schläft ermattet ein und träumt zum erstenmal; eine zarte
Liebesbeziehung zu Frau Flinkwert bahnt sich an, und der Ex-Schnitter, der nun im Kornfeld die Sense schwingt, entdeckt Gefühle wie Leid oder Angst in sich. Insbesondere Angst vor dem Tod. Doch der Sensenmann beginnt zu kämpfen: Gegen den Neuen Tod, gegen das Schicksal und gegen das Vergessen - bis er von Azrael, dem Obersten Wesen, wieder in Amt und Würden gesetzt wird:

Wir sind die einzige Hoffnung. Wir müssen Anteil nehmen, denn wenn wir uns Gleichgültigkeit zu eigen machen, so liefern wir alles der Leere aus, dem Absoluten
Vergessen.
(Tod)

Terry Pratchett, (Die Scheibenwelt)

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